Parkinson ist eine Erkrankung mit vielen Facetten. Die Chefärztin der Paracelsus Elena Klinik und Parkinson-Expertin Univ. Prof. Dr. med. Brit Mollenhauer spricht im Interview mit der Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau (SVLFG) über das Leben mit einer Diagnose, die den Alltag verändert.
Frau Prof. Dr. Mollenhauer, was passiert im Körper eines Parkinson-Patienten?
Der Körper produziert in den Zellen Eiweiße, also Proteine. Bei Parkinson kommt es zu einer Fehlfaltung bzw. Verklumpung des Eiweißes Alpha-Synuclein, das bei der Signalübertragung zwischen den Nervenzellen eine entscheidende Rolle spielt. Das verklumpte Eiweiß lagert sich in den Nervenzellen ab, die dadurch immer schlechter funktionieren und letztendlich absterben. Hauptsächlich betroffen sind dopaminproduzierende Nervenzellen. Dadurch mangelt es den Betroffenen an Dopamin, einem wichtigen Botenstoff, der flüssige Bewegungen ermöglicht. Diese Verklumpung des Eiweißes beginnt bereits viele Jahre vor den ersten Krankheitssymptomen. Beim Auftreten der Symptome sind bereits 70 Prozent der Zellen betroffen und die Erkrankung ist weit fortgeschritten.
Welche Auslöser tragen zur Entstehung von Parkinson bei?
Der genaue Auslöser der Erkrankung ist noch nicht bekannt. Bei der Entstehung der Erkrankung können zum Beispiel der intensive Kontakt mit Pestiziden, mechanische Hirnverletzungen, Viruserkrankungen oder erbliche Faktoren eine Rolle spielen. Auch Übergewicht und Diabetes können eine Parkinsonerkrankung begünstigen.
Welche Anzeichen machen hellhörig?
Erste Anhaltspunkte sind vor allem nicht-motorische Symptome: Riechstörungen, depressive Verstimmungen, Schlafstörungen in Form von Traumschlaf-Verhaltensstörungen, selten harter Stuhlgang. Bei der Traumschlaf-Verhaltensstörung agieren die Betroffenen sehr aktiv im Schlaf, schreien, bewegen sich derart, dass es zu Stürzen aus dem Bett kommen kann. Diese nicht-motorischen Symptome können Risikopersonen identifizieren, auch wenn
noch keine motorischen Symptome vorkommen. Mit einer neurologischen Untersuchung werden dann die motorischen Symptome untersucht, zum Beispiel das Ruhezittern, die Bewegungsfähigkeit von Händen und Fingern sowie die Muskelsteifigkeit. Wenn motorische Symptome auftreten, spricht man von einer (manifesten) Parkinsonkrankheit.
Wie sieht die Behandlung aus?
Ziel ist es, die Erkrankung oder das Erkrankungsrisiko früh zu erkennen und eine Therapie einzuleiten. Parkinson ist eine fortschreitende, nicht heilbare Erkrankung. In den ersten Jahren, der sogenannten „Honey-Moon-Phase“, ist Parkinson noch gut zu behandeln. Mit Medikamenten erreicht man eine fast normale Leistungsfähigkeit der Patienten. Im späteren Krankheitsverlauf ändert sich das.
Woran liegt das?
Das Problem ist, dass die Nervenzellen über Rezeptoren verfügen, die gebraucht werden, um die Medikamente aufnehmen zu können. Diese Nervenzellen werden aber durch Parkinson so geschädigt, dass die Medikamente irgendwann nicht mehr genügend Rezeptorbindung bekommen. Nach einigen Jahren brauchen Betroffene dann andere Medikamente und die Einnahmefrequenz muss erhöht werden. Im fortgeschrittenen Stadium der Erkrankung
können Patienten verschiedene Medikamente benötigen. Viele davon machen müde, da sie den Blutdruck senken. Die Frequenz und die Nebenwirkungen auf den Alltag abzustimmen, ist nicht einfach. Eine alternative Therapie-Option kann eine Levodopa-Pumpe sein. Die Pumpe gibt über eine Sonde das Medikament Levodopa in den Dünndarm oder das Unterhautfettgewebe ab und sorgt für einen stabileren Dopamin-Spiegel im Gehirn. Dadurch be
nötigen die Patienten weniger Tabletten. Eine weitere Therapieoption im mittleren bis fortgeschrittenen Stadium kann die tiefe Hirnstimulation sein, bei der durch eine neurochirurgische Operation ein „Hirnschrittmacher“ eingesetzt wird. Dieser stimuliert die Aktivität bestimmter Gehirnzellen und verbessert so die Signalweiterleitung, was motorische Symptome lindert.
Welche Behandlung hilft im fortgeschrittenen Stadium?
Bei fortgeschrittenem Parkinson gibt es die Möglichkeit einer Multimodalen Komplextherapie. Dabei handelt es sich um ein voll- oder teilstationäres, individuell abgestimmtes Therapie-Programm mit medikamentöser Einstellung sowie Physio- und Ergotherapie, Logopädie und Psychotherapie. Dieses standardisierte, gesetzlich verankerte Angebot ist in dem Umfang im weltweiten Vergleich einzigartig in Deutschland und wird einmal jährlich von den
Krankenkassen übernommen. In Parkinson-Fachkliniken, wie der Paracelsus Elena Klinik, wird dieses Programm in einem Aufenthalt von etwa 18 Tagen angeboten. Ergänzend spielt eine speziell für Parkinson entwickelte Physiotherapie eine Rolle, die über die reguläre Physiotherapie hinausgeht.
Warum ist Physiotherapie relevant?
Parkinson-Betroffene kämpfen mit Muskelsteifigkeit und Bewegungsverlangsamung. Die Feinmotorik wird schwieriger, die Muskeln sind dauerhaft angespannt und können verkrampfen und schmerzen. Das führt im Falle der Rumpfmuskulatur oft zu einer gebeugten Haltung, was die Menschen kleiner erscheinen lässt. Die Gelenksteifigkeit erschwert das Aufrichten und Gehen. Physiotherapie kann dem entgegenwirken.
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Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau